Roggen und Weizen
Der zinnerne Krug
Auf dem Heimwege von einem meinem
Gute weit entfernten Holz, das ich besichtigt hatte,
war ich hungrig geworden. Ich ritt deshalb auf einen
mir am Wege liegenden Hof, dessen Besitzer ich kannte.
Zwar mied ich ihn gern, weil er mir nicht zusagte: sein
scharfer, kalter Verstand überwucherte ihm das
Herz zu sehr.
Ich treffe ihn zu Hause: »Ehrlich
gestanden, ich wäre bei Ihnen vorbeigeritten, hätte
mich nicht der Hunger geplagt . . .« Der Gutsbesitzer
lacht: »Offenheit ist eine große Tugend.
Ich aber bin froh, Sie einmal wiederzusehen. Nehmen
Sie Platz. Entschuldigen Sie mich für einige Minuten;
ich kundschafte, was mein Haus Ihnen bieten kann.«
»Aber ich bitte doch um alles in der Welt, sich
meinetwegen nicht . . .« Mein Freund hat schon
die Tür hinter sich. Ich bin allein. Wie ich mir
seinen Schreibtisch betrachte, auf dem jeder Gegenstand
in peinlicher Ordnung steht, fällt mir ein zinnerner
Krug in die Augen, der mir wegen seiner höchst
geschmacklosen Arbeit durchaus nicht den übrigen
eleganten Sachen aus Cuivre poli, aus feinster Bronze,
aus edeln Metallen überhaupt zugehörig erscheint.
Bald sitzen wir am Frühstückstisch,
ziehen kalte Ente und leichten Mosel durch Zahn und
Lippen, und sind in lebhafter Unterhaltung. Ich bin
meinem Freunde nicht mehr so gegenherzig wie früher
und tue ihm im geheimen Abbitte. Wie anregend er erzählt,
wie klar und bestimmt er seine Behauptungen zu geben
und, kommt es darauf an, zu verteidigen weiß.
Dabei ist er nicht eigensinnig, hört mir mit Ruhe
und mit jener guten Gabe zu: durch kaum merkliches Kopfnicken,
durch Worte wie: ei, ei . . . da bin ich ganz Ihrer
Meinung . . . aber wie lebhaft Sie sich dessen erinnern
. . . nun, da muß ich sagen . . . und ähnliche,
seine Aufmerksamkeit kund zu geben.
Bei einer eingetreten Stockung
fragte ich ihn plötzlich: »Auf Ihrem Schreibtisch
fand ich eben einen zinnernen Bierkrug, der mir zu den
andern dort stehenden Sächelchen nicht ganz stimmen
will. Verzeihen Sie meine Neugierde. Wenn Sie mir mitteilen
möchten, wie er dahin geraten ist, so würde
ich Ihnen dankbar sein. Sie wissen, wie mein Gemüt
(zwar Sie haben mich immer über dergleichen Unbegreiflichkeiten
ausgelacht) oft durch eine scheinbar kleine Nebensächlichkeit
erregt werden kann. Wenn Ihnen nicht etwa ein Geheimnis
verbietet, oder . . .« »Aber ich bitte Sie,
natürlich, natürlich. Es ist eine ziemlich
gleichgültige Geschichte,« lächelte
der Gutsbesitzer.
Er beginnt:
»Ich war in eine große
Stadt Ostpreußens als Brigade-Adjutant versetzt.
Der Ehrgeiz fing mich zu plagen an. Ja, er hatte mich
bald dermaßen in seinen scharfen Krallen, daß
ich völlig jene Fühlung mit dem übrigen
Leben verlor, und im besondern mich nicht mehr den natürlichsten
Lebensfreuden, die uns als Gegengewicht im schweren
Tagewerk gegeben sind, hingab.
Ich hatte mich in einer Vorstadt
eingemietet, um hier in ungestörter Ruhe mich in
Arbeit zu versenken zu weiterm, raschem Vorwärts
auf dem Wege zum Generalfeldmarschall. Ich vernachlässigte
in der Tat sogar meine kameradschaftlichen Pflichten,
immer einsamer und zurückgezogner lebend.
Außer mir wohnten in dem
kleinen Landhause meine alte Wirtin, die Witwe eines
Kaufmanns, mein Bursche und das Dienstmädchen.
Die Lebenseigenschaften meiner
Mitinsassen sind bald gegeben: die alte Dame sorgte
mütterlich für mein Wohl. Ich sah sie selten.
Mein Bursche Domigalla war ein gutmütiger, etwas
beschränkter Pole, der mich zuerst, wenn ich ihm
Befehle gegeben, mit offenstem Munde und mit aufgerissensten
Augen ängstlich angesehen hatte. Als ich seine
Eigenart erkannt hatte, sprach ich ihm meine Aufträge
langsam und ruhig aus, und ich habe nie einen bessern
Diener gehabt. Im übrigen lebte er still und stumm
vor sich hin, und seiner Gedanken höchster, war
er nicht mit Heimatsbildern beschäftigt, mochte
der prächtigst zu erreichende Glanz meiner Stiefel
und Sporen sein. Für meine Pferde sorgte er wie
eine zärtliche Mutter für ihre Kinder.
Das Dienstmädchen endlich,
ein sechszehn, siebzehnjährig Ding, aus der Gegend
von Koeslin gebürtig, war nicht schön, nicht
häßlich. Ich sah sie in den ersten Monaten
selten oder nie. Was gingen mich die Weiber an. Ich
war viel zu sehr mit des Lebens Ernst beschäftigt.
Einmal komme ich nachts spät
nach Hause. Ich finde Licht, und auf meinem Sofa, die
Stirn auf der Tischplatte, sitzt schlafend das Mädchen.
Sie erwachte, als ich durch Rücken eines Stuhles
Geräusch verursache. Ganz »verbiestert«
starrte sie mich an, wurde dunkelrot, lächelte
verlegen und bat um Entschuldigung: sie wäre, nachdem
sie meinen Schreibtisch abgestaubt, eingeschlummert.
Ich machte ihr natürlich keine Vorwürfe, und
sie schlich täppisch und unbeholfen hinaus. Ich
dachte nicht mehr an den Vorfall. Doch bald fiel es
mir auf, daß sie mich aus irgend einem Versteck,
einem Winkel, hinter einer Tür, einem Fenster ansah,
wenn ich am Tage aus meinem Bureau heimkehrte . . .
Sie wollte Domigalla allerlei kleine Dienstleistungen
abnehmen für mich, die dieser, ich möchte
sagen, eifersüchtig als seinen eigensten Wirkungskreis
in Anspruch nahm. Es kam deshalb zu unerquicklichen
Reibereien zwischen den beiden. Da, eines Nachts, als
ich spät mein Zimmer betrat, fand ich wieder das
Mädchen dort. Sie schlief, den Kopf an die Sofalehne
zurückgebeugt. In ihren Händen hielt sie eine
Photographie von mir. Ihr Mund war ein wenig geöffnet;
einfältig, unschuldig war ein Lächeln stehen
geblieben, und auf ihren Wangen lagen Tränen. Sie
mußte sich erst vor kurzem in den Schlaf geweint
haben . . . Plötzlich fiel mir eine Binde von den
Augen. Ich weckte sie und ließ sie, ohne ihr rauh
das Unschickliche ihres Benehmens zu verweisen, aus
der Stube.
Am andern Tage aber hatte ich ein
Gespräch mit meiner Wirtin. Ich sagte ihr, daß
ich kündigen müsse, wenn Marie nicht entfernt
würde. Auch die alte Dame hatte die Sache bemerkt.
Sie gab mir recht. Ich bat sie, die Entlassung des Mädchens
ohne jedes absichtliche Merkenlassen zu bewirken. Sie
fand bald einen Grund, und nach vier Wochen mußte
die kleine Pommerin in einen andern Dienst.
Absichtlich war ich am Tage ihres
Abzuges erst am Abend in meine Wohnung gegangen, um
jeden Abschied, jede »Szene« zu vermeiden.
Mein Zimmer war schon erhellt. Auf dem Tische stand,
in Papier verpackt, ungeschickt mit Lack geschlossen
und betröpfelt, ein Gegenstand. Mein Name war darauf
geschrieben. Ich entwickelte ihn, und es entpuppte sich
der zinnerne Krug, den Sie vorhin in meiner Arbeitsstube
sahen. Ein Zettel lag in ihm: Ahngedenken an Maria.
Das Mädchen hatte für
zwei, drei Mark aus ihren Ersparnissen mir das Stück
gekauft . . .
Lieber Freund, ich weiß,
daß Sie mich für hartherzig halten. Da muß
ich Ihnen denn sagen, daß ich bis in Herz und
Nieren getroffen war. Ich fühlte Tränen, und
ich schämte und schäme mich ihrer nicht. Das
arme Dienstmädel hab ich natürlich nicht wiedergesehen,
den Krug aber habe ich bewahrt, und er soll auf meinem
Schreibtisch stehen bis an mein Ende.«
Ich mußte meinem Bekannten
bewegt die Hand reichen; er aber lächelte und sagte
ein wenig boshaft: »Na nu, na nu . . .«
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